Interview Hanspeter Oggier

VIERWALDSTÄTTER KONZERTE: BAROCKENSEMBLE 12.01.2019

Interview mit Hanspeter Oggier (wurde geführt durch Anna Vinogradova)

Anna: Hanspeter, das Instrument welches Sie für sich auswählten ist äusserst selten anzutreffen. Man assoziiert es normalerweise eher mit der traditionellen Musik...

Welche Position hat die Panflöte heutzutage in der klassischen Musikwelt inne?

Hanspeter: Das Instrument ist tatsächlich nicht so weit verbreitet wie andere Instrumente aus der "klassischen" Musikwelt, aber kommt doch sehr viel häufiger vor als gedacht. Gerade in der Schweiz gibt es relativ viele Leute, die sich der Panflöte widmen. In Rumänien findet man nach wie vor viele Panflötistinnen und Panflötisten, auch in den Niederlanden ist die Szene vergleichsweise gross, natürlich sind Deutschland, Frankreich und Belgien auch vertreten. Dort scheint mir das Instrument aber weniger stark in den Musikschulen verankert zu sein als beispielsweise in der Schweiz.

Die Position der Panflöte in der klassischen Musikwelt zu beurteilen fällt mir nicht ganz leicht. Da ist sie sicher noch eher eine Randerscheinung. Es gibt aber doch mehrere professionelle Musiker, welche mit der Panflöte in der klassischen Musikwelt Fuss gefasst haben. Gerade auch im Bereich der zeitgenössischen Musik gibt es eine zunehmende Anzahl an Werken, die eigens für Panflöte geschrieben wurden. Die Panflöte in der klassischen Musik polarisiert aber nach wie vor stark, das erlebe ich immer wieder. Persönlich wünsche ich mir, dass bei Rezensionen, Konzertberichten und Interviews in Zukunft stärker auf musikalische Aspekte als auf die "Exzentrität" des Instrumentes eingegangen wird. Die Panflöte ist ein expressives Instrument, welches, falls es nach Massstäben der traditionellen Bauart angefertigt wurde, ein reiches Spektrum an Artikulationsmöglichkeiten aufweist und dem damit alle Möglichkeiten einer interessanten musikalischen Sprache gegeben sind.

Anna: Sie studierten lange bei Simion Stanciu Syrinx. Wie hat dies Sie beeinflusst?

Hanspeter: Der Einfluss Simion Stanciu Syrinx auf meinen musikalischen Werdegang ist gross. Ich bin heute dankbar, dass ich etwas mehr als zehn Jahre regelmässig in Genf mit ihm arbeiten konnte. Er hatte eine starke Persönlichkeit, war kompromisslos in den Ansprüchen an mich und somit sehr fordernd. Er repräsentiert für mich darüber hinaus aber auch eine Generation von Panflötisten, die, zumindest noch zu Beginn ihrer Karriere, das Instrument authentisch und ungekünstelt gespielt haben - man könnte auch sagen, dieses ganz in den Dienst der Musik gestellt haben. Das hat mich damals unbewusst geprägt, indem ich ein Musikbild vermittelt bekam, welches grössten Teils noch heute seine Gültigkeit hat. Der obertonreiche, klare und doch so differenzierbare Ton seiner Panflöte hat mich in den Bann gezogen; ich habe schnell gemerkt, dass die von ihm gespielte Panflöte eine ungeheure Qualität hatte. Das heute leider so weit verbreitete Nachstossen des Klanges war für ihn, der mit der traditionellen Musik seines Heimatlandes Rumänien aufgewachsen war, ein Tabu. Nach langen Jahren der Suche kann ich mich heute sehr glücklich schätzen, auf Instrumenten dieser traditionellen Bauart spielen zu können.

Anna: Sie sind als Pädagoge tätig - Dozent an der Hochschule Luzern-Musik, Lehrer in der Musikschule Konservatorium Zürich - und haben eine rege Konzertaktivität. Wie gelingt es Ihnen beides miteinander so zu verbinden?

Hanspeter: Das ist oft ein Spagat, der einiges an Flexibilität abverlangt. Aber das Unterrichten ist für mich unverzichtbarer Teil eines Musikerdaseins, ich möchte das keinesfalls missen. Und ich denke, es ist auch eine Verantwortung, dass man seine Kenntnisse auf dem Instrument weitergibt, die Kinder brauchen eine Inspiration und eine klare musikalische Orientierung. Man kann zwar ihre Neugierde wecken, sie können aber unmöglich alleine alles entdecken. Auch hier handelt es sich eigentlich um das Weiterführen und Weitergeben einer Tradition. Mir selber gefällt eigentlich das Konzept des Unterrichtens, wie es in Europa vor der Gründung der Konservatorien gang und gäbe war, nämlich dass man sich als Schüler oder Lernender längere Zeit mit einem Meister und seinen sehr klaren technischen und musikalischen Ideen auseinandersetzte und sich somit quasi in die Linie einer Schule einreihte - so schuf man sich auch eine klare Identität als nicht austauschbarer Musiker.

Darüber hinaus gibt mir das Unterrichten aber auch eine gewisse Stabilität, die im unsteten Konzertbetrieb eine grosse Hilfe ist. Und natürlich ist die Dynamik der jüngeren Generationen erfrischend!


Anna: In letzten Jahren befassen Sie sich mit alter Musik. 2015 nahmen Sie in Italien eine CD gänzlich Vivaldi gewidmet auf, 2016 gestalteten Sie mit dem Ensemble Fratres eine CD mit Telemanns Musik. Woher rührt Ihr Interesse für alte Musik? Was ist in Ihrem Sinn historische Aufführungspraxis?

Hanspeter: Das Interesse für Alte Musik ist schon lange da und wurde bei mir durch die Aufnahmen barocker Musik, welche Simion Stanciu Syrinx in den 80-er und 90-er Jahren machte, geweckt. Schon früh setzte ich mich mit Bachs h-Moll Suite auseinander, auch die a-Moll Suite für Flöte von Telemann ist zu einem steten Wegbegleiter geworden. Der Traum, eines Tages selber diese Musik aufnehmen zu können, ist also schon älter. Ich hatte das grosse Glück, mit dem Ensemble Fratres einen überaus inspirierenden Partner an der Seite zu haben, der in seiner musikalischen Arbeit in die gleiche Richtung zielt und über ein fantastisches und kohärentes Instrumentarium verfügt. Für den Begriff "historischen Aufführungspraxis" mag ich mich persönlich nicht allzu sehr erwärmen, er wirkt auf mich etwas zu einengend. In seinem musikpädagogischen Traktat "l’art de toucher le clavecin" schreibt François Couperin 1717: "Comme il y a une grande distance de la Grammaire à la Déclamation; il y en a aussi une infinie entre la Tablature, et la façon de bien jouer… C’est que nous écrivons différemment de ce que nous èxècutons". Die historischen Quellen und Abhandlungen, deren Studium wichtig und richtig ist, helfen uns natürlich beim Versuch, ein historisches Klangbild zu rekonstruieren. Ich stelle mir darüber hinaus aber vor, dass es damals viele lokale, regionale und nationale Unterschiede gegeben haben muss, wie man Musik interpretierte, auch abhängig von den jeweiligen Meistern und ihrer Schule. Dann kommen die verschiedenen lokalen Instrumentenbauer hinzu, deren Instrumente auch einen grossen Einfluss auf die Musik ausübten sowie die Aufführungspraxis der jeweiligen traditionellen Musik beeinflussten. Für mich scheint es wichtig, ein starke persönliche Sprache in der Musik zu entwickeln, die sich natürlich innerhalb gewisser Gesetzmässigkeiten bewegt, die es aber erlaubt, einen individuellen Charakter zu festigen und zu einer stets improvisierenden, sprich lebendigen Klangsprache zu finden.

Anna: Gibt es Persönlichkeiten die Sie als Musiker inspirierten?

Hanspeter: Ja, da gibt es neben Simion Stanciu Syrinx mehrere Persönlichkeiten, die mich stark beeinflussten und noch immer beeinflussen. Eine davon ist Jean-Daniel Noir, mit dem ich bereits mehrere CDs aufnehmen durfte, weitere sind in Planung. Er ist ein absoluter Meister seines Fachs und regte meine Art des Hörens und Arbeitens stark an. Dann finde ich die Kunst Michel Kieners auf dem Hammerflügel und auf dem Cembalo stets eine Bereicherung erster Güte, seine Technik des Anschlags, die expressive Bewegung in den Motiven, sein Rubato bei gleichzeitig klarer Hierarchisierung sind für mich eine unverzichtbare Lehre und Inspiration. Von herausragender Bedeutung hat sich die Begegnung mit dem Instrumentenbauer und Musikwissenschaftler Luc Breton erwiesen: nicht nur, dass ich auf seinen wunderbaren Instrumenten spielen darf, er stiess mir auch die Tür zu einer leider rasant in Vergessenheit geratenden Musikwelt. Seinen Verdienst und sein umfassendes Wissen kann ich eigentlich nicht in Worte fassen.

Anna: Wie mit alter Musik befassen Sie sich mit Volksmusik. Erzählen Sie bitte wie diese zwei unterschiedlichen musikalischen Sphären miteinander zu tun haben.

Hanspeter: Mir fällt da jeweils Georg Philip Telemanns Zitat in seiner Autobiographie von 1740 ein, er spricht über die polnischen und hanakischen Musiker und ihre traditionelle Musik: "Ein Aufmerckender könnte von ihnen, in 8. Tagen, Gedancken für ein gantzes Leben erschnappen". Er spricht da das fantastische Inspirationspotenzial der traditionellen Musik an, von dem er mit Sicherheit auch Gebrauch machte. Als wir damals eines seiner Passepieds aufnahmen, hatten wir den Eindruck, durch den alternierenden Gebrauch von binären und ternären Elementen, eine rumänische Sîrba (ein rumänischer Tanz - Anmerkung des Redaktors) vor uns zu haben. Viele der barocken Tänze finden ihren Ursprung in den Volkstänzen der damaligen Zeit, die Art der musikalischen Ausführung muss wohl auch Anklänge dieser „barbarischen Schönheit“ aus der traditonellen Musik, von der Telemann spricht, genommen haben. Und da gibt es für die Panflöte auch gewisse Vorteile, die traditionelle Musik Rumäniens bewahrte sich ziemlich lange in einer authentischen Form. Oder anders gesagt: während die Standardisierung in der Ausbildung der Musiker beispielsweise die Artikulationsvielfalt verringerte, konnte die traditionelle Musik diesen Reichtum noch länger bewahren und könnte uns neben den historischen Traktaten einen weiteren Anhaltspunkt geben, wie damals musiziert wurde. Anna:  Mit welchen Musikern spielen Sie regelmässig zusammen? Hanspeter:. Da gibt es einige Musikerinnen und Musiker, mit denen ich schon seit längerer Zeit musikalisch aktiv bin. Wie Sie bereits erwähnten, spielt das Ensemble Fratres sicher eine wichtige Rolle, das auf zwei CDs eingespielte Programm mit Concerti und Suiten von Vivaldi und Telemann ist nach wie vor aktuell und wir werden in nächster Zeit auch noch andere Werke präsentieren. Im Rahmen des Ensembles Fratres halten wir auch ein interessantes Quartettprogramm mit Werken von Mozart, Desprez, Haydn und Vater Strauss am Laufen. Zu einem wichtigen Angelpunkt wurde das Duo Rythmosis mit dem Violoncellisten Mathieu Rouquié. Es stellt für uns eine wichtige Plattform dar, um experimentierfreudig in die musikalischen Details gehen zu können und unsere Vision der Musik in stark variierenden Programmen zum Leben zu erwecken. Auch als Duo funktioniert das Projekt „Syrinx & Orpheus“ mit dem bekannten Lautenisten und Schweizer Musikpreisträger 2018 Luca Pianca. Mit diesem präsentieren wir Musik aus der Spätrenaissance bis hin zum Hochbarock. Nach Möglichkeiten und projektbezogen habe ich auch immer wieder die Chance, mit dem Genfer Pianisten und Cembalisten Michel Kiener Konzerte zu spielen. Weiter bin ich vor allem im Wallis nach wie vor mit dem Ensemble Inversa aktiv, mit der Walliser Organistin Sarah Brunner bereite ich ein Programm für historische Orgel und Panflöte vor, die Aufnahme einer CD ist in Planung. Jüngeren Datums ist die vielversprechende Zusammenarbeit mit dem Gitarristen Valéry Burot. Daneben gibt es auch Rezitale mit Klavier und die Zusammenarbeit wie etwa mit der Pianistin Marina Vasilyeva. Sehr spannend finde ich auch das Programm mit Cymbalom und Kontrabass, hier kommt es ganz konkret zum Zusammentreffen von barocker und traditonneller rumänischer Musik.

Anna: Erzählen Sie über das Programm, welches Sie in der Reihe "VIERWALDSTÄTTER KONZERTE" spielen.

Hanspeter: Das Programm verspricht einen musikalischen Hochgenuss! Der erste Teil, bei dem die Instrumente sich als Soloinstrumente vorstellen, wird mit Sätzen aus Rameaus letzter Oper "Les Boréades" majestätisch in französischer Manier eröffnet. Danach geht der Vorhang auf für den solistischen Auftritt der Theorbe mit der "Sonata arpeggiata" von Kapsberger, gefolgt von drei Caprices für Violoncello solo von Dall’Abaco. Die Panflöte kommt erstmals mit Blavets Sonate d-Moll "La Vibray" zum Einsatz, ein Meisterwerk im Zeichen "Goûts réunis", also der Verschmelzung des französischen mit dem italienischen Stil. Die Violine kommt in Bibers "Sonata representativa" mit Vogel-Imitationen zu Ehren. Der zweite Teil des Konzerts steht dann ganz im Zeichen der wunderbar affektreichen Triosonaten Leclairs und Telemanns. Zum Schluss des Konzerts riskieren wir in Vivaldis berühmter Follia bei närrischer Ausgelassenheit Kopf und Kragen… Spass beiseite, wir freuen uns sehr auf das Konzert und ich danke Ihnen herzlich für Ihr Interview!